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Ein Land der noblen Weine

Dass die Schweiz nicht nur gute Schokolade und guten Käse, sondern auch erstklassigen Wein herstellt, ist bisher eine Vermutung. Eine Gruppe von Weinjournalisten und Produzenten will diese mit dem Projekt «Mémoire des Vins Suisses» jetzt glaubwürdig untermauern.

Wer weiss, vielleicht hats damit zu tun, dass Wein und hohe, schneebedeckte Berge einfach nicht so richtig zusammen passen. Jedenfalls hat Wein aus der Schweiz nicht den Ruf, Weltspitze zu sein. Uhren können wir gut bauen, weil wir uns nur wohl fühlen, wenn wir pünktlich sind - wie könnten wir uns dann auf Uhren verlassen, die im Ausland hergestellt werden? Käse und Schokolade stellen wir gezwungenermassen her, weil wir sonst die viele Milch unserer Kühe wegkippen müssten. Aber ein guter Wein muss doch im Bordelais, im Piemont oder in der Toscana, notfalls auch im Napa Valley in Kalifornien wachsen und gemacht werden.
Falsch. Wie im Ausland haben auch in der Schweiz in den vergangenen Jahren die meisten Produzenten von Quantität auf Qualität umgestellt; einen Anstoss dafür hat der Bund gegeben mit den 1993 erlassenen Mengenbeschränkungen von 1,4 Kilo Trauben pro Quadratmeter Rebfläche beim Weiss- und 1,2 Kilo beim Rotwein. Die meisten kantonalen Vorschriften sind noch rigider, und die Produzenten der Spitzenprodukte halten sich freiwillig an noch einmal strengere Limiten. Seither behaupten sich einheimische Produkte bei internationalen Wettbewerben regelmässig gegen renommierte Konkurrenz.
Ein Handicap bleibt die Kleinheit des Landes mit einer Rebfläche von 15000 Hektaren - kein Vergleich mit Frankreich und Italien mit jeweils 900000 Hektaren oder Spanien als flächenmässig grösstem Weinland der Welt mit 1 200 000 Hektaren. Auch Deutschland (100 000 Hektaren) und Österreich (50 000 Hektaren) liegen weit voraus. Dies macht die Positionierung von starken, gut zu vermarktenden Produkten schwierig. Die Kehrseite davon ist die ausgeprägte Vielfalt an Lagen mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen und an Rebsorten, davon gibt es in der Schweiz nicht weniger als 50.
Doch ein wichtiger Beweis steht noch aus: der Beweis, dass in der Schweiz auch wirklich grosse Weine heranwachsen können. Grosse Weine sind solche, die altern können und dabei besser werden. «Das Kriterium, das einen Wein adelt, ist seine Haltbarkeit», sagt Martin Kilchmann, Weinjournalist. «Zehn Jahre, so die französische Meinung, muss er schon überstehen, wenn er sich zu den 'Vins Nobles' zählen will. Überstehen, versteht sich, ohne Krücken. Er muss reifen können und sich dabei verändern; muss besser, komplexer, tiefgründiger werden.»
Dass dies für Schweizer Weine noch nicht ganz klar ist, hat ebenfalls damit zu tun, dass die Schweiz und ihre Produktionsgebiete klein sind, denn dadurch sind auch die Mengen eher klein, und die meisten guten Schweizer Weine werden weggetrunken, bevor sie in Würde altern können.
Das zu ändern, beziehungsweise den Beweis anzutreten, dass auch in der Schweiz noble Weine entstehen, ist das Ziel von «Mémoire des Vins Suisses», einer Initiative der vier Weinjournalisten Susanne Scholl, Andreas Keller, Stefan Keller und Martin Kilchmann. Vor einigen Jahren begannen sie, eine Auswahl der besten Produzentinnen und Produzenten der Schweiz zu kontaktieren und ihnen ihre Idee eines «Archivs» ihrer besten Weine schmackhaft zu machen.
«Wir sammeln ausgesuchte Schweizer Weine und verfolgen Jahr für Jahr deren Entwicklung», erklärt Andreas Keller das Konzept. «Da wir mit der Zeit immer mehr unterschiedlich gereifte Jahrgänge vergleichen können, ergibt sich allmählich ein sehr komplexes Bild jedes Weins. Irgendwann sollten wir sogar verlässliche Aussagen über dessen künftige Entwicklung machen können.»
Die Kriterien für die Auswahl definierten sie so:
• Die Weine sollten seit Jahren zu den «verlässlichen Werten ihrer Region» zählen.
• Sie sollten das Typische ihres Anbaugebietes repräsentieren.
• Sie sollten einen klar erkennbaren Stil zeigen.
• Sie sollten das Potenzial haben, sich während mindestens zehn Jahren positiv zu entwickeln.
2002 und 2003 degustierten sie über 300 Weine von fast hundert Produzenten - die ältesten noch erhältlichen waren von 1999 - aus denen sie anschliessend zwei Dutzend auswählten und in dieses Archiv «Mémoire des Vins Suisses» - MDVS, deutsch: Gedächtnis oder eben Archiv der Schweizer Weine - aufnahmen. Es ist jeweils ein Wein von 24 der besten einheimischen Produzenten, die von jedem Jahrgang 60 Flaschen einlagern, die dann sukzessive geöffnet und in der Regel ein mal jährlich degustiert werden sollen, so dass man ihren Alterungsprozess genau verfolgen kann.
In diesem Alterungsprozess kommt einem Begriff eine ganz besondere Bedeutung zu, wie Martin Kilchmann in der Beleitbroschüre zum Projekt schreibt: dem Terroir. Terroir heisst auf Deutsch zuerst einmal nichts anderes als Gegend, in der Weinsprache allerdings bezeichnet man damit die ganz spezielle Eigenart des betreffenden Rebbergs, die Beschaffenheit und Zusammensetzung des Bodens, die Lage, das Klima wie auch weitere Eigenschaften des Produktionsgebietes und der Bewirtschaftung des Rebbergs.
Deshalb wird bei der Beobachtung der 24 ausgewählten MDVS-Weine auch dem ganzen Umfeld grosses Gewicht beigemessen, und für jeden von ihnen werden diese Terroir-Informationen ebenso notiert wie der Klimaverlauf des Erntejahres, der Erntezeitpunkt und die wichtigsten Angaben zur Weinbereitung.
Dabei sind auch die Produzenten gefordert, denn sie müssen gegenüber den Kritikern mit offenen Karten spielen. Und sie müssen, so Martin Kilchmann, auch auf übertriebene Interventionen im Weinberg verzichten, da diese dem Ziel zuwiderlaufen, einen authentischen Wein zu erhalten.
Die Liste der Produzenten ist illuster. Da finden sich Kleinproduzenten wie Anne-Catherine und Denis Mercier aus Sierre, die aus ihren 6,5 Hektaren gerade mal 40 000 Flaschen pro Jahr keltern, neben dem Grosskonzern Provins, der eine Anbaufläche von 1100 Hektaren pflegt und jährlich 10 bis 12 Millionen Liter Wein herstellt, aber mit seiner Prestigelinie «Maître de Chais» unter der Spitzenönologin Madeleine Gay auch exklusive Produkte führt. Oder die Domaine des Balisiers im Kanton Genf, die von zwei Quereinsteigern geführt wird und mit einem Triumph in einer Blinddegustation gegen renommierte internationale Konkurrenz berühmt wurde. Oder Adriano Kaufmann und Christian Zündel, zwei Deutschschweizer, die sich beide in Beride als innovative Weinproduzenten einen Namen geschaffen und mitgeholfen haben, den Ruf des Tessins als Weinregion aufzuwerten.
Weitere sollen hinzukommen: «Das MDVS ist offen», sagt Mitinitiant Andreas Keller, «das wichtigste Kriterium für die Aufnahme eines Weins ist die Qualität.» Es ist auch kein kommerzielles Projekt, und fast so wichtig wie der Aufbau des Archivs ist die Kontaktpflege untereinander. Andreas Keller: «Es ist inzwischen eine eingeschworene Gruppe, man hat Kontakte bis ins Ausland geknüpft, aber auch viele neue innerhalb der Schweiz wie etwa vom Wallis in die Deutschschweiz, was für viele der Beteiligten vorher nicht selbstverständlich war.»
Etwas allerdings darf nicht verschwiegen werden: Die selektionierten Weine sind keine Massenprodukte und deshalb meist nur schwer, oft sogar nur über Subskription erhältlich. Vom Pinot Noir -R- vom Hallauer Weingut Baumann zum Beispiel gibt es pro Jahrgang nur gerade 2400 Flaschen. Doch ein Trost bleibt: Wer keinen dieser ganz besonderen Tropfen ergattern kann, findet problemlos andere Weine der Spitzenklasse - bei diesen Produzenten oder bei irgend einem anderen aus der Schweiz, einem Land der noblen Weine.


Schweizer Wein

Die Schweiz ist offiziell in sechs Weinregionen aufgeteilt: Wallis, Waadt, Genf, die Drei-Seen-Region mit den Kantonen Neuenburg, Freiburg, der bernischen Bielerseeregion und dem Jura, die Deutschschweiz sowie das Tessin inklusive das italienischsprachige Misox (Graubünden).
Wallis mit 35 und Waadt mit 26 Prozent der gesamten Rebfläche sind mit Abstand die grössten Produktionsgebiete. Die meistangebaute Rebsorte ist bei den Weissweinen der Chasselas, der in Deutschland Gutedel heisst und aus dem der Fendant hergestellt wird, er wird vor allem in der französischsprachigen Schweiz angebaut und nimmt rund ein Drittel der gesamten schweizerischen Rebfläche ein. In der Deutschschweiz ist der Riesling-Silvaner sehr populär, in Deutschland als Müller-Thurgau bekannt. Bei den Rotweinen sind es Pinot Noir, also Blauburgunder, Gamay und Merlot.
In letzter Zeit sind allerdings alte und lokale, zum Teil sogar weltweit einzigartige Sorten wieder beliebter geworden und werden wieder vermehrt angebaut. Beispiele sind bei den Weissweinen Petite Arvine und Amigne, Humagne Blanche oder Heida, bei den Rotweinen Humagne Rouge oder Cornalin - all dieses Sorten stammen aus dem Wallis. Im Kanton Graubünden ist der Completer eine solche so genannt autochthone Sorte, im Tessin die Bondola. In den letzten Jahren wurden zudem auch neue Züchtungen vorgestellt, erwähnenswert sind hier etwa die roten Sorten Gamaret, Garanoir, Carminoir und Diolinoir.
Informationen über das Projekt «Mémoire des Vins Suisses» und über die dabei beteiligten Produzenten und die selektierten Weine: www.mdvs.ch; eine Broschüre über das Projekt ist zu bestellen bei Andreas Keller, Weininformation, Konkordiastrasse 12, 8032 Zürich, Telefon 044 389 60 40.
Um die Promotion der Schweizer Weine kümmern sich hauptsächlich zwei Organisationen:
Swiss Wine Promotion (www.swisswine.ch) ist die offizielle Marketing-Organisation für Schweizer Wein, sie wird vom Bund unterstützt.
Vinea (www.vinea.ch) ist eine private Organisation aus dem Wallis, die ihre Aktivitäten in der Vergangenheit allerdings auf die ganze Schweiz ausgedehnt hat. Sie gibt den Schweizer Weinführer heraus, organisiert jeweils am ersten September-Wochenende das Festival Vinea in Sierre, die Mondial du Pinot Noir und den Grand Prix du Vin.

erschienen in Cigar 3/2008

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