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Eine Kapelle für die Tabakgeschichte

Ein kleines Museum im Herzen des früheren schweizerischen Tabaklandes zeigt die Geschichte einer einst blühenden Industrie. Die dank dem amerikanischen Bürgerkrieg für kurze Zeit an der Weltgeschichte teilnahm, und die einen prophetischen Moment hatte, zwei Generationen bevor einer ihrer Akteure schweizerischer Bundesrat wurde.

Warum eigentlich nicht, fragt man sich, wenn man vor dem Tabak- und Zigarrenmuseum Aargau Süd in Menziken steht? Warum soll man ein solches Museum nicht in einer ehemaligen Kapelle unterbringen? Schliesslich zeugt die Sammlung von einer grossen Vergangenheit dieser Gegend, von einer Tradition, die viel Respekt verdient – und überhaupt: Haben der Umgang mit und das Nachdenken über Tabak, hat Rauchen allgemein nicht gelegentlich ein religiöses Element? Zwei Damen zeigen dem Journalisten die Sammlung: Monika Villiger und Ursula Rüesch, beide pensioniert, wie die meisten der Personen, die das Museum betreuen. Monika Villiger übrigens hat den Tabak gewissermassen im Blut: Sie ist die Schwester von Kaspar und Heinrich Villiger – der erste ehemalige Bundesrat und bis zu seinem Eintritt in die schweizerische Landesregierung 1989 in der Familienfirma tätig, die seitdem vom zweiten allein geführt wird und weit über die Schweiz hinaus bekannt ist für die Produktion und den Import von Zigarren.

Durchaus passend also und erfreulich klein und übersichtlich für ein Museum präsentiert sich der nur gerade 14 mal 8 Meter grosse Saal, und dank den hohen Kirchenfenstern schön hell. In der Mitte eine Stellwand mit Photos, und den Wänden entlang sind zahlreiche Exponate aufgestellt und aufgehängt, die von dieser Tradition zeugen.

Die Gegend um Menziken, das obere Wynental und das Seetal im Aargau, im Volksmund «Stumpenland» genannt, war in der Tat früher eine bekannte Tabak-Region, hier konzentrierte sich der grösste Teil der schweizerischen Tabakindustrie. Zur Blütezeit, etwa von 1865 bis 1920, beschäftigte die Branche hier 4500 Personen und brachte der Region einen schönen Wohlstand: den Fabrikanten grosse Villen in ebenso grossen Gärten, vielen Arbeitern zumindest ein eigenes Häuschen, wie Monika Villiger erzählt.

Dabei hatte man damals bereits eine erste Krise und einen Wiederaufschwung hinter sich: Hundert Jahre zuvor blühte hier nämlich die Textilindustrie, in weit verbreiteter Heimarbeit wurde Baumwolle zu Stoff verwoben und dieser gefärbt. Doch mit den mechanischen Webstühlen kam das Aus, denn die bescheidene Wasserkraft der Wyna genügte nicht, um all diese Maschinen anzutreiben, und die Produktion wanderte zu den grösseren Gewässern ab, etwa ins zürcherische Tösstal. Auf der Suche nach einem neuen Erwerbszweig kam Samuel Weber 1837 auf die Idee Pfeifentabak herzustellen, und bereits fünf Jahre später entstand in Menziken die erste Fabrik zur Herstellung von Stumpen und Kopfzigarren. Andere folgten nach, und die Namen derjenigen, die sie eröffneten, waren bis vor wenigen Jahren wohlbekannt: Eichenberger, Hediger, Gautschi & Hauri, Burger, Villiger zum Beispiel. Die letzten beiden sind die einzigen, die bis heute überlebt haben.

Den grossen Aufschwung brachte der amerikanische Sezessionskrieg: Die Nordstaaten-Armee liess aus dem Wynental jeden Monat bis zu 10 Millionen Stumpen liefern – die Geschäfte liefen so gut, erzählt Ursula Rüesch, dass Zeitzeugen berichten, damals wären mehr Fuhrwerke mit Tabakprodukten auf den Strassen zu sehen gewesen als Heufuder.

Die Blütezeit dauerte bis etwa zum Ersten Weltkrieg, dann folgte mit der Weltwirtschaftskrise ein Niedergang, der bis heute anhält: Heute sind von den ursprünglich – im Jahr 1911 – fast 70 produzierenden Betrieben gerade noch 2 übrig: Villiger Söhne AG und Burger Söhne AG, noch etwas über 200 Personen arbeiten in der hiesigen Zigarrenindustrie. Und geblieben ist eben das Museum.

Ursula Rüesch und Monika Villiger zeigen dem Gast die Sammlung, und wenn dies nicht für ein Tabakmuseum ein etwas heikler Ausdruck wäre, würde er sagen: Dabei reden sie sich ins Feuer. Sie führen den Gast durch das hundert Quadratmeter kleine Museum, wissen über alle Exponate Bescheid, erzählen immer wieder aus der Geschichte der Gegend, vieles davon aus den eigenen Erinnerungen, vieles haben sie von ihren Eltern und Grosseltern, vieles wissen sie einfach deshalb, weil es ein unabtrennbarer Teil der regionalen Geschichte ist.

Sie schreiten die vier Wände ab, deren paar Metern entlang sich im Zeitraffer die Chronik nicht nur der regionalen, sondern der Tabakproduktion überhaupt entwickelt. Von den ganzen, getrockneten Tabakblättern zu den Arbeitstischen, an denen die Frauen und Männer im Wynental den Strang drehten, dann zuerst ins Umblatt einwickelten und zuletzt mit dem Deckblatt zur fertigen Zigarre – oder hier eben zum Stumpen – veredelten. Dann zu den ersten Maschinen, die die Produktionskapazitäten bereits vervielfachten.

Sie erzählen die Geschichte einer Industrie, die wie viele andere früher auf Handarbeit basierte und heute fast überall fast alles den Maschinen überlässt. Sie zeigen dem Besucher Werkzeuge, die vor hundert Jahren hier die Grundlagen des Wohlstands garantierten, aber heute nur noch im Museum ihren Platz haben.

Aber es sind die gleichen Werkzeuge, die andernorts noch heute tagtäglich benutzt werden, mit deren Hilfe die besten Zigarren der Welt entstehen. Tatsächlich sind es die gleichen Abläufe und Arbeitsschritte, mit denen damals im Wynental die Stumpen produziert wurden, und mit denen noch heute in Kuba die Zigarren hergestellt werden. Und so öffnet der Besuch im Museum auch den Blick auf globale Zusammenhänge, zeigt deutlich, wie sich ein Wirtschaftszweig verändert, wie sich Produktionsverhältnisse wandeln, wie sie sich in verschiedenen Umfeldern verschieden entwickeln. Für einen Moment schweifen die Gedanken in die Zukunft: Wann wird wohl die Zigarrenproduktion in Kuba, wie wir sie heute kennen, auch dort nur noch im Museum zu besichtigen sein?

Der Rundgang durch die ehemalige Kapelle lässt in einem deshalb auch – wie sollte es anders sein? – eine gewisse Ehrfurcht aufkommen. Vor den Leistungen der Frauen und Männer, die hier stundenlang, tagelang, wochenlang, monatelang, jahrelang die Tabakblätter mit ihren Händen, Augen und mit der Nase prüften, sortierten, sie schnitten, rollten, pressten – jedes einzelne Stück, sorgfältig und liebevoll.

Und man versucht sich vorzustellen, was das konkret für die Menschen hier und für die ganze Region bedeutet, dass früher eine Zigarrenmacherin von Hand vielleicht 2000 Stränge pro Tag mit dem Deckblatt überrollen konnte, während heute eine Maschine problemlos das Zehnfache schafft.

Interessant ist im Zeitalter der Rauchverbote auch der Blick in die Vergangenheit der Tabakwerbung, und da bietet das Tabakmuseum einige besonders erhellende Anschauungsobjekte. Wie zum Beispiel ein Werbeplakat, das ein kleines Mädchen mit einer Zigarrenschachtel in der Hand zeigt, selig blickt es dem Betrachter in die Augen, darunter der Spruch: ...und für Vati ein Kistli Villiger». Oder die vielen Packungen, auf denen Jahrzehnte vor dem Marlboro-Cowboy ein stilisierter Indianer aufgedruckt wurde, um dem darin enthaltenen Produkt den Geschmack von Freiheit und Abenteuer zu verleihen. Oder die vielen Anzeigen und Etiketten, die ohne Worte nur einfach den Mann als den selbstbewussten und geniessenden Raucher zeigten, sei es als Vater, als Arbeiter, als Geschäftsmann oder als Soldat.

Besonders neckisch hier an diesem Ort ist allerdings eine ganz besondere Werbung: 1938 veranstaltete die Firma Villiger einen Wettbewerb, in dem es die Frage zu beantworten galt: «Was würden Sie tun, wenn Sie Bundesrat wären? Und so prangt denn auch an einer der Wände ein Plakat, auf dem auf diese Frage die Antwort gegeben wird: «Zum Regieren, Denken und zum Sport gehört heute eine Villiger Export. Doch damit der Anspielungen nicht genug. Das Bild gleich darunter zeigt, gemalt, einen kleinen Buben mit Schulranzen, der aus einem an der Garderobe hängenden Mantel – sicher dem des Vaters – eine Packung Boston-Zigaretten genommen hat und eine Zigarette hervorzieht. Der Bub lächelt, ob aus Vorfreude auf den Rauchgenuss oder einfach ob der Freude über die geklaute Zigarette, bleibt der Phantasie des Betrachters überlassen. Dahinter an der Wand ein Plakat, auf dem das gleiche Sujet verkleinert dargestellt ist, derselbe Junge, der Mantel, die Zigarettenpackung. Dazu der Spruch «...und jetzt eine Boston.»

Der Bub, erklärt Monika Villiger, ist ihr Bruder Kaspar, der spätere Bundesrat. Und tatsächlich, mit etwas Verständnis für die künstlerische Freiheit des Malers ist der kleine Kaspar wiederzuerkennen. Gleich daneben ein anderes, ebenfalls gemaltes Bild eines Mannes mit einem kleinen Mädchen, das ihm mit einem Streichholz einen Villiger-Stumpen anzündet. Das Mädchen, das bin ich, sagt sie.

So bleibt die Geschichte der Tabakverarbeitung in der Region dank diesem Museum lebendig. Zu verdanken ist dies dem Engagement einiger Privatpersonen. Monika Villiger und Ursula Rüesch sind zwei von acht Mitgliedern des Trägervereins, die sich ehrenamtlich um die Sammlung kümmern und während der normalen Öffnungszeiten sowie an Führungen Besucherinnen und Besuchern mit viel Engagement und persönlichen Erinnerungen die Tabakgeschichte nahebringen. Im Durchschnitt eine Führung pro Woche wird hier organisiert, für Vereine oder Klassenzusammenkünfte zum Beispiel.

Möglich gemacht haben dieses Museum allerdings vor allem zwei Personen: Urs Merz aus der Nachbargemeinde Reinach, der schon als kleiner Schuljunge vieles gesammelt hatte und später daraus eine eigene Tabaksammlung machte. Auf Flohmärkten und an Auktionen im In- und Ausland trug er Plakate, Emailschilder, Packungen und andere Stücke zusammen, und wenn wieder eine Fabrik in der Gegend geschlossen wurde, ein Unternehmen verschwand, versuchte er für seine Sammlung zu retten, was noch zu retten war. Am Schluss hatte er nicht weniger als 13 000 Etiketten, 125 000 Bauchbinden und 250 Plakate und Emailschilder zusammengetragen. Diese Kollektion stellte er als Leihgabe dem Museum zur Verfügung. Die andere Person ist Susi Merz aus Menziken, die die ehemalige Kapelle gekauft und ihrer Wohngemeinde zweckgebunden zur Verfügung gestellt hat.

Museen sind das Gedächtnis der Gesellschaft, sie schaffen Bewusstsein, dienen der Bevölkerung zur Identifikation und können zu einem lebendigen Treffpunkt werden, heisst es im Buch «Tabago» über das Tabakmuseum Aargau Süd. Warum also sollte eine solche Institution nicht in einer ehemaligen Kapelle untergebracht sein?


erschienen in Cigar 2/2008

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